Ein Thema, über das man nicht spricht

Über Erkältungen spricht jeder. Über Rückenschmerzen auch. Über Dellwarzen spricht fast niemand. Außer der Person, mit der ich zusammengelebt habe, wusste in den zwei Jahren niemand davon. Zu Hause ließ es sich nicht verbergen. Allen anderen habe ich nichts erzählt.

Stattdessen war ich ständig mit Fragen beschäftigt: Sieht das jemand? Was würden die Leute denken, wenn sie es wüssten?

Am Anfang konnten wir offen darüber reden. Mit der Zeit wurde es zu einem nervigen Dauerthema, und irgendwann haben wir gar nicht mehr darüber gesprochen. Rückblickend war die Haut gar nicht das Schwerste. Das Schwerste war dieses Schweigen.

Woher die Scham bei mir kam

Ich habe viel darüber nachgedacht, warum ausgerechnet dieses Thema so schwer auszusprechen war. Bei mir kamen mehrere Dinge zusammen.

  • Das Wort „ansteckend“ steckt schon im Namen: molluscum contagiosum. Ich hatte das Gefühl, eine Gefahr für andere zu sein.
  • Ich habe mich unhygienisch gefühlt, obwohl ich so sehr auf Hygiene geachtet habe wie nie zuvor.
  • Dellwarzen werden oft mit dem Intimbereich verbunden. Das macht es noch schwerer, offen darüber zu reden.
  • Ich war unsicher. Ich wusste lange nicht genau, was da auf meiner Haut passiert und warum es nicht aufhört.

Jedes dieser Gefühle für sich wäre schon unangenehm gewesen. Zusammen haben sie dafür gesorgt, dass ich lieber gar nichts gesagt habe.

Was ich darüber gelesen habe, wie verbreitet Dellwarzen sind

Beim Lesen habe ich gemerkt, dass ich mit Dellwarzen alles andere als eine Ausnahme bin. Die Mayo Clinic beschreibt Dellwarzen als recht häufige Virusinfektion der Haut. Am häufigsten sind Kinder betroffen, aber auch Erwachsene können sie bekommen.

Die American Academy of Dermatology, die große Fachgesellschaft der Hautärzte in den USA, nennt mehrere Gruppen, die besonders oft betroffen sind: Kinder zwischen einem und zehn Jahren, Sportler, die Hautkontakt haben oder Ausrüstung teilen, sexuell aktive Menschen und Menschen, deren Körper sich mit Infektionen schwertut.

Das ist eine bunte Mischung aus ganz normalen Menschen. Mir hat diese Liste gezeigt, dass Dellwarzen nichts über einen bestimmten Typ Mensch aussagen. Sie können sehr viele treffen.

Kein Zeichen mangelnder Hygiene

Das Gefühl, unsauber zu sein, war für mich einer der härtesten Teile. Ich habe meine Handtücher getrennt, desinfiziert und viel gewaschen. Trotzdem habe ich mich oft schmutzig gefühlt, wenn ich auf meine Haut geschaut habe.

Später habe ich nachgelesen, wie das Virus eigentlich weitergegeben wird. Die American Academy of Dermatology schreibt, dass man sich meist über Hautkontakt, über Gegenstände, die eine betroffene Person berührt hat, oder über geteilte Dinge wie Handtücher oder Kleidung ansteckt. Von mangelnder Sauberkeit als Ursache habe ich dort nichts gelesen. Mehr dazu steht im Artikel Irrtümer über Dellwarzen.

Was das Schweigen mit mir gemacht hat

Schweigen hat bei mir zu Rückzug geführt. Ich habe weniger Menschen getroffen, Berührungen vermieden und manche Verabredungen abgesagt. Sport, Schwimmbad und Sauna habe ich ausgelassen. Sogar auf Urlaub habe ich verzichtet, wegen der Hotelhandtücher und anderer Dinge, die viele Menschen nutzen.

Ich wollte niemandem erklären, was mit meiner Haut los ist. Also habe ich gar nichts erklärt. Das hat mich noch einsamer gemacht.

Dass so etwas nicht nur Einbildung ist, habe ich in einer großen britischen Studie aus dem Jahr 2015 gelesen. Sie hat über 300 Kinder mit Dellwarzen begleitet. Bei den meisten war die Belastung im Alltag gering. Bei etwa jedem zehnten Kind war der Einfluss auf die Lebensqualität aber sehr stark. Die Studie betrifft Kinder, nicht Erwachsene. Für mich zeigt sie trotzdem, dass die seelische Seite real ist.

Heute glaube ich, dass Scham vom Schweigen lebt. Solange ich nichts gesagt habe, konnte ich mir in Ruhe ausmalen, wie schlimm die Reaktionen wären. Niemand konnte mir widersprechen.

Erst beim Lesen, auch in Foren, ist mir klar geworden, dass ich nicht der Einzige bin. Viele schreiben dort anonym, so wie ich auf dieser Seite. Das zeigt mir, wie groß das Tabu ist, und auch, wie viele Menschen davon betroffen sind.

Was mir beim Einordnen geholfen hat

Die Scham ist nicht von heute auf morgen verschwunden. Ein paar Gedanken haben mir aber geholfen, mein eigenes Bild etwas zurechtzurücken:

  • Dellwarzen sind eine Hautinfektion durch ein Virus. Sie sind kein Urteil über einen Menschen.
  • Wer sich ansteckt, hat nicht zwingend etwas falsch gemacht. Hautkontakt und geteilte Dinge gehören zum normalen Leben.
  • Seriöse Quellen wie gesund.bund.de zu lesen, hat mir geholfen, Gerüchte von Wissen zu unterscheiden.

Am meisten geholfen hat mir aber etwas anderes: nach und nach zu verstehen, dass Tausende genau das Gleiche haben. Ich war damit nicht allein, und wer das hier liest, ist es auch nicht. Und es ist keine Frage der Hygiene.

Ganz verloren habe ich die Scham aber erst, als sich meine Haut sichtbar veränderte und die Stellen schließlich verschwanden. Ob das Zufall war? Ich weiß es nicht.

Wie schwer es mir gefallen ist, über Dellwarzen und Nähe zu sprechen, beschreibe ich im Artikel Dellwarzen und Nähe.

Warum ich heute darüber schreibe

Diese Seite ist anonym, und das ist bewusst so. Sie ist aber auch mein Versuch, das Schweigen ein Stück weit zu brechen. Ich hätte mir damals gewünscht, irgendwo die ehrliche Geschichte eines Erwachsenen zu lesen, der dasselbe erlebt hat.

Wenn du gerade an derselben Stelle stehst: Du bist damit nicht allein. Nach zwei Jahren war es bei mir vorbei. Ob das Zufall war? Ich weiß es nicht. Wie es dazu kam, erzähle ich in meiner Geschichte.